Kölner Kammerorchester

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Date: 29.06.2020

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Lang vermisste Schwingungen
Das Kölner Kammerorchester live in der Philharmonie

Statt über Medien, Tonträger oder Internet vermittelt, endlich wieder einmal lebendige Klänge! Zwei Kontrabässe zupfen mit viel Fingerfleisch die Saiten weich, voll und rund. Sie schicken die dunkle Schwingung mit leicht anziehendem Vibrato als profunden Impuls in den Saal. Eine derart lebendige Körper- und Räumlichkeit des Klangs vermag keine Aufnahme zu simulieren. Für das Kölner Kammerorchester und die meisten Besucher der Kölner Philharmonie waren nach bald vier Monaten Versammlungsverbot die Anfangsklänge von Felix Mendelssohn Bartholdys fragmentarischer zehnter Streichersinfonie h-Moll wieder die ersten bei einem Live-Konzert. Lange entbehrt, wurde Musik wieder zum Ereignis, ja zur existenziellen Erfahrung.

Trotz distanzierter Platzierung auf der Bühne agierten die zwanzig Streicher unter Leitung von Christoph Poppen wie mit einem Bogen und Atem. Das stark reduzierte Publikum lauschte umso konzentrierter. Wegen der Hygienebestimmungen blieben die ersten drei Saalreihen ebenso komplett leer wie jede weitere zweite Reihe. Dazwischen saßen rund vierhundert Besucher mit mindestens drei Leerplätzen Abstand zwischen sich. Dieses Sonderkonzert der Reihe „Das Meisterwerk“ ermöglichten Privatleute mit großzügiger finanzieller Unterstützung. Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 415 braucht ebenfalls keine Bläser, die womöglich Aerosole ausstoßen könnten und auf dem Podium noch mehr Abstand erfordert hätten. Solistin Elena Bashkirova differenzierte klar zwischen melodisch brillierenden Melodien der rechten Hand und sanft pendelnder Akkordbegleitung der linken. Triller, Läufe und Figuren ließ sie mit gefühlvoll sprechender Dynamik perlen, vom Ensemble zart und duftend begleitet. Der große Steinway-Konzertflügel erwies sich für die zarte Streicherbesetzung jedoch als zwei Konfektionsgrößen zu schwer.

Wie prächtig das klein besetzte Ensemble gleichwohl aufzurauschen vermochte, bewies das Kölner Kammerorchester mit Tschaikowskys Streicherserenade. Der mit vollen Bögen gezogenen Legato-Eröffnung folgt ein in belebten Repetitionen tickendes Allegro, ein kecker Walzer mit leichtfüßiger Italianitá und eine zwischen schmerzvoller Melancholie und überschwänglichen Leidenschaftsausbrüchen wechselnde Elegie. Das tändelnde Finale greift das Kopfmotiv des Anfangs in einer tänzerischen Variante auf und mündet endlich in einen ekstatischen Schlussklang. Live gespielt fällt diese Musik nicht einfach wie aus Lautsprechern tot zu Boden, sie schwingt auf den Saiten der Instrumente sowie in Geist und Empfindung des Publikums lange nach.

(Rainer Nonnenmann im Kölner Stadt Anzeiger vom 29. Juni 2020)